Der Schneckenhaus-Effekt

by Hidjabi

6.30 Uhr– Der Radiowecker hat seinen morgendlichen Einsatz.
ZIP! „…muslimische Extremisten haben sich bereits dazu bekannt. Und nun das Wetter im Bremen4-Land….“ meine Hand sucht den Aus-Knopf.
Ein kurzes Strecken. Beine aus dem Bett schleudern. Und los geht’s.

Gesicht waschen, Zähne putzen, ab in die Klamotten und Kopftuch auf. „Kopftuch?“ – Oh ja, bin Muslim. „Echt? Oh du Arme, wie viel früher musst du denn morgens aufstehen, um dein Kopftuch zu machen?“ – Em? Nicht viel früher, als du um deine Haare zu machen…

Hach na ja, das kennen wir ja bereits.

Im Auto.

Hm, den Wetterbericht bräuchte ich für nachher schon. ZIP „…Pakistan ist nicht nur für seine Islamisten und Terroristen bekannt, sondern auch für Mode!“ – Okay, lassen wir das. Wo ist meine Sami Yusuf CD…?

In der Schule.

 Sozialkunde.

„So“ – Zeigefinger auf mich gerichtet – „Kannst du uns einmal den Inhalt des Textes wiedergeben?“ – Klar, hier steht: Es gibt keinen Gott, es gab nie einen und wir haben uns Himmel und Hölle nur ausgedacht, weil wir Angst vor diesem Leben haben. – Sehr gut! Ich danke dir.“ 

Bitte, Bitte. Ich meine, hey, ich verleugne damit ja nur gerade, an was ich glaube, aber wen interessiert das schon.

Pause. In der Cafeteria.

„Hey, wieso warst du am Wochenende nicht auf unserer Jahrgangsfete?“ Ich habe doch gesagt, dass ich…

„Ja, ja, ich weiß, dass Alkohol VERBOTEN ist, aber es haben ja nicht alle getrunken. Wieso stellst du dich so an!?“Ich habe dir doch noch letzte Woche erklärt, dass…

„Na ja, wie auch immer. Jedenfalls muss JEDER aus dem Jahrgang 40 Euro für die Jahrgangskasse zahlen. 20 Euro für die Feten und nochmal 20 für die Abschlussfeier. DU hast noch nicht bezahlt. Wir warten da noch drauf!“ Jetzt hör mal, ich…

„Ja, ja. Aber so ist das. Du musst dich schon im Jahrgang integrieren. Die türkische Freundin von Hendrik hat auch bezahlt und die ist auch Moslemin.“

Mittagspause. In der Bücherei.

Eine Frau steht am Regal.Entschuldigen Sie?“

Die Bibliothekarin: Ja?

 „Haben sie die Bücher: „Im goldenen Käfig“, „Nehmt den Männern den Koran“ und „Aisha- zur Ehe gezwungen“ im Sortiment?

 Ja, sicher. Die werden andauernd vorbestellt! Wie war das letzte Buch, gleich?

„Aisha- Zur Ehe gezwungen.“ Dieses Buch, in dem so ein Moslemisches Mädchen zu einer Ehe mit einem alten Mann gezwungen wird und sie sich daraufhin das Leben nehmen will.“

Oh ja, sicher kenne ich das! Das ist ein Bestseller!

Eben, wer kennt das nicht… 

Nachdem beide mich von allen Himmelsrichtungen aus gemustert hatten und die fündige Dame mit ihren Dokumenten meiner Unterdrückung an mir vorbeiging, war auch mir die Lust an Literatur gehörig verdorben.

Auf dem Weg nach Hause.

Hm, ich müsste noch etwas einkaufen.

Im Supermarkt.

Gelatine, Gelatine, Schweinefett!?, Gelatine….ahh!

Mit dem gelatinefreien Joghurt bewaffnet stehe ich an der Kasse. Ein gelangweilter alter Mann steht vor mir in der Schlange und stellt seine Becks-Flaschen auf das Fließband. Er sieht mich und die Augen weiten sich. „Hallo“ – ich zwinge mich zu einem Lächeln (manchmal ist einem zwar nicht danach, aber man will die Leute ja nicht noch mehr verschrecken.). Er glotzt weiter. Endlich kommt er an die Reihe und löst widerspenstig den Blick von mir.

Ich bin an der Reihe. „1.99 bitte“ – Ich gebe ihr das Geld und bedanke mich für den Bong. „Na, sie sprechen ja gut deutsch.“ – Ja, vielen Dank.

(Okay, wusste nicht, dass man einen so hohen Grad an Deutschkenntnissen für ein „Danke“ und „Bitte“ braucht. Aber egal. Einfach annehmen. Für Rechtfertigungen ist jetzt keine Zeit.)

„Wo kommen sie denn her?“ – Aus der Schule *grins* (Ist mir schon klar, worauf sie hinauswollte. Aber irgendwann hat man´s auch satt.)

Nein, ich meine, wo sind sie geboren?“ – In Hamburg.

„Oh, das kenne ich gar nicht.“ (Sie kennt HAMBURG nicht!?) 

Arme Frau, dachte ich, scheint nicht viel rumgekommen zu sein. Noch ehe ich etwas sagen konnte, spricht sie weiter:

„Haaaambuag – Wo genau in der Türkei liegt denn das?“

Endlich zu Hause.

Oh, jemand hat vergessen die Zeitung reinzuholen:

„Wir haben doch Parallelgesellschaften“

Im Kiez wird der Schlagabtausch wohl noch eine Weile dauern. Für den Kreuzberger CDU-Vorsitzenden Kurt Wansner ist der „Multikulti-Traum“ längst ausgeträumt: „Wir haben doch Parallelgesellschaften.“

Puh, ja. Parallelgesellschaften sind schon echt was mieses. Diese ollen Ausländer, die sich lieber vor der Welt verstecken, als auf die Straße zu gehen und der verschreckten lieben, verschlossenen offenen, verständnislosen vorurteilslosen deutschen Gesellschaft ins Gesicht zu lächeln. Die wollen einfach unter sich bleiben, wieso bloß? Wir tolerieren die doch! Die schotten sich von der Außenwelt ab. Einfach so.

Darf ich ehrlich sein? Auch ich wünsche mir manchmal einen weniger komplizierten Alltag. Einfach einen Tag vor die Tür gehen und einmal keinen erhobenen Zeigefinger sehen zu müssen, der auf einen gerichtet ist. Einmal einen Tag erleben, in dem mir nicht andauernd gesagt wird, wie „anders“ ich ja bin. Ja, es stimmt. Ich bin anders. Und würde ich nicht dazu stehen, hätte ich meine Lebensweise schon längst aufgegeben. Ich weiß aber, dass ich mich selbst damit verleugne. Ich bin nun einmal, was ich bin. Nur kann ich allmählich auch diejenigen verstehen, die diesem alltäglichen Druck nicht mehr standhalten können und einknicken. 

Von Zeit zu Zeit wünscht man sich einfach ein Schneckenhäuschen, in das man sich für einen Moment verkriechen kann.

 Diese gefürchteten „Muslim-Ghettos“ sind lediglich Wohngruppen von gleichgesinnten Menschen, die von ihrer Umwelt akzeptiert werden wollen. Sie wollen, wie jeder andere auch mit dem Nachbarn sitzen und bei Kaffee und Kuchen ein Pläuschchen halten. Wollen belebte Gespräche über die Zäune hinweg führen. Wollen, dass ihre Kinder sicher vor fremden Hassern sind. Wie traurig, dass sie diese Sicherheit nur noch unter sich suchen…

Die deutsche Gesellschaft hat Angst vor Parallelgesellschaften. 

 Die Parallelgesellschaft hat Angst vor der deutschen Gesellschaft.

Beide Seiten verlieren an Verständnis und Kommunikation.

Woran liegt das?

Die Überwindung sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen ist groß. Die Früchte dieser Ernte aber umso größer und süßer. Es gilt sich auf beiden Seiten einander zu nähern und die Angst vor dem Fremden zu überwinden. Wir sind in erster Linie Menschen und als solche sollten wir uns auch behandeln. Man sollte endlich aufhören einander mit Nationalität anzusprechen. Wir gehören der gleichen Spezies an. Kommunikation muss nicht immer in Form von Diskussionen stattfinden. Oft reicht auch  einfach nur ein

dickes

fettes

LÄCHELN!

 

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9 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. toomuchcookies
    Nov 12, 2009 @ 09:15:30

    danke. made my day.

    Antwort

  2. zwiebel
    Nov 12, 2009 @ 21:26:03

    …. danke, hast mir ein lächeln ins gesicht gezaubert…
    fehlt eigentlich nur noch der bekannte dialog, der in etwa so beginnt:
    sag´n sie mal. darf ich sie mal was fragen? es is halt was persönliches, aber das kopftuch……
    klar, fragen sie (sie sind der 6583 te, der fragt, aber macht nix…..)

    Antwort

    • justanotherhidjabi
      Nov 16, 2009 @ 19:42:59

      ja, du hast Recht. Wir haben in dieser Gesellschaft eine Stellung, in der es oft gilt seine Position, oder seine Überzeugung Rechtfertigung einzulegen. Führt man sich aber vor Augen, dass die Medien den typischen „Ottonormalverbraucher“ derartig verwirren und sein Weltbild nur in eine Richtung zerren wollen, sollten wir uns über jeden Menschen freuen, der die Antworten bei uns sucht und nicht in der BILD. In diesem Sinne: Nicht aufgeben! 🙂 Wa salam

      Antwort

  3. meryemdeutschemuslima
    Nov 21, 2009 @ 01:45:18

    As salamu aleikum,
    vielen Dank für diese lebhafte Schilderung eines ganz normalen Tages!
    Fi amin allah, Meryem

    Antwort

  4. Umm Ishaq
    Dez 14, 2009 @ 14:05:44

    As salamu alaykoum wa rahmatulLahi wa barakatuh,

    ein ganz toller Beitrag, masha´Allah.
    Ich wünsche mir noch viel, viel mehr davon!

    Fi amaniLah

    Antwort

  5. alien59
    Dez 21, 2009 @ 10:37:57

    Grade gefunden – gut beobachtet, schön beschrieben!

    Antwort

  6. momty
    Dez 25, 2009 @ 18:12:38

    Wie immer….gut beobachtet. 🙂

    Antwort

  7. Derya
    Sep 04, 2010 @ 23:20:40

    assalamu alaikum
    mashaallah, gute beschreibung =))
    ich hoffe du schreibst weiterhin so schöne beiträge inshaallah =)

    Antwort

  8. Jeanette D.
    Nov 10, 2010 @ 19:51:59

    Salam alaikum meine Liebe,

    kann mich den anderen nur anschließen. Und Bescheidenheit ist in dieser Sache fehl am Platz, wir brauchen mehr deiner Einträge 😉

    Wassalam

    Antwort

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