Oh, du fröhliche… Teil I

Es ist endlich soweit!

Endlich winke ich meinem kleinen Kuhkaff vom Bummelbus aus und begebe mich für einen „Kurz-Wohn-Trip“ in die Stadt. What a feeling!

„Sag doch lieber am Telefon, dass du Kopftuch trägst und ob es ein Problem für die wäre.“ – Diesen Satz habe ich gefühlte 100 Mal über mich ergehen lassen, bevor ich zum Telefon griff, um in der Filiale anzurufen, von der ich wusste, dass sie für Ende des Jahres Aushilfen suchen. Weihnachtsaushilfen.

„Aber du bist doch gar kein Christ!“ – Ja, das ist wahr. Bist du denn einer?

„Nein, ich bin Atheist!“ – Achso, aber du feierst Weihnachten?

„Ja, aber das ist nur weil das so´ne schöne Zeit ist mit Geschenken und so.“

Dass ich diesen Job haben wollte hatte mehrere Gründe. Zum einen die Tatsache, dass mir und meinen (ich nenne sie mal) „Artgenossen“ permanent vorgeworfen wird, wir würden uns gesellschaftlich nicht genug einbringen, oder (Wort des Jahres) „integrieren wollen“. Und zum anderen aus der ganz einfachen Tatsache heraus, dass ich das Geld für meinen Umzug brauche, den NEIN ich möchte nicht vom Staat schmarotzern, wie man es ebenfalls von „Ausländern“ erwartet. Wer mit gesundem Selbstwertgefühl würde dergleichen schon tun?

Wie gewohnt ist es für die Dame am Telefon gar kein Problem. „Sicher, kommen Sie gleich am Donnerstag vorbei zu einem Vorstellungsgespräch.“- Akzentfrei sprechen hat durchaus seine Vorteile. Auf meine religiöse Einstellung könnte man bereits nach meinem Nachnamen kommen. Das Kopftuch behalte ich noch als kleinen Bonus für mich.

Die Filiale ist in einer anderen Stadt, die mit Bus oder Zug leicht zu erreichen ist. Sie zu erreichen ist eine Sache, sich darin zurechtzufinden eine völlig andere. Nach 3 Mal verlaufen und 10 Mal Passanten Nach Dem Weg Fragen, erreiche ich endlich leicht gehetzt die Filiale. Eine Viertelstunde zu früh. Ein Mitarbeiter kommt lächelnd auf mich zu.

„Hallo, kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Hallo, ja sehr gern. Ich hatte mit Ihrer Kollegin gesprochen bezüglich des Aushilfsjobs. Können Sie mir sagen, wo ich mich zu melden habe?“

„… als Weihnachtsaushilfe!?“

„Genau.“ – Hätte ich mir lieber einen rot-weißen Mantel anziehen sollen?

„Äh ja klar, folgen Sie mir.“

Er blieb wirklich gefasst, der Gute.

Vor mir lief noch ein Vorstellungsgespräch, sodass ich genug Zeit habe mich umzusehen. Als Bücherwurm eine Leichtigkeit. Hin und wieder spüre ich stechende Blicke im Rücken. Es hat sich wohl herumgesprochen.

Als ich das Büro der Filialleiterin betrete, sehe ich in ihrem Gesicht nicht anderes, als pures Interesse. Ich bin begeistert, wie schafft sie das nur mich nicht wie einen Alien zu behandeln und mir langsam und deutlich zu verstehen zu geben, dass ich nicht in ihr Konzept passe?

Das Gespräch läuft überraschend locker. Das könnte einerseits an meiner „Was-habe-ich-schon-zu-verlieren-Einstellung“ liegen, die Anspannung gar nicht erst zulässt, oder an der Tatsache, dass diese Frau den Mensch hinter dem beigen Tuch sehen möchte. Faszinierend.

„Ich denke ich spreche auch im Namen des Betriebsrates, wenn ich sage: Sie sind eingestellt.“ – Ich kann mir ein völlig unseriöses „Was, echt!?“ nicht verkneifen. Wie konnte denn sowas passieren?

Im Laufe der Zeit entwickelt man als Muslim in Deutschland schnell eine Art „Gesellschafts-Pessimismus“, der sowohl aus eigenen, als auch aus den Erfahrungen anderer hervorgeht. Man rechnet einfach damit, dass alle gleich denken. Unwissentlich nimmt man damit genau dieselbe Einstellung ein, die einem selbst eigentlich so zuwider ist. Vorurteile eben. Auch auf „unserer“ Seite gibt es genug davon.

Leicht verwirrt stehe ich wieder vor dem Eingang des Gebäudes.

Weihnachtsaushilfe.

Was da wohl auf mich zukommt…

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. yassy
    Dez 19, 2010 @ 17:13:53

    *lach sehr schöne geschichte. ich glaube, das ich diese einstellung immer haben sollte „was habe ich schon zu verlieren“. ich kenne das nur zu gut.
    ich hab mich oft beworben und wurde nur belächelt oder gleich aussortiert. dann hab ich mich nicht mehr getraut. jetzt bin ich was älter geworden, und versuch es wieder; mit einer gleichgültigen stimmung.
    ich hoffe wirklich, das sich die einstellung der deutschen ändert, und meiner empfindung nach war auch alles auf einem guten weeeeg aaber, dann brauten die medien wieder mal eine bockade für diese positive entwicklung und deutschland muss von vorne anfangen 😦 .

    Antwort

  2. Hatice
    Jan 30, 2011 @ 16:57:51

    Wow, deine Geschichte ist herbe lustig 😀 ich musste voll lachen, aber auch irgentwie darüber nachdenken. Ich meine, nur weil di kopftuch trägst, wollen die nicht, dass du an weihnachten arbeitetst. voll dumm.

    als ich mal ein praktikum machen wollte, haben die mich erst mal nicht annehmen wollen, weil ich kopftuch trage ( im kindergarten) und der grund war, weil die eltern sich anscheinend beschweerten. voll dumm, aber naja was soll man schon dazu sagen

    Antwort

  3. Trackback: Zwischen Angst und dummen Scherzen « MuslimByChoice
  4. tuff
    Jun 26, 2011 @ 21:08:39

    Oh ja, der „Gesellschafts-Pessimismus“, … unheimlich schwierig, den mal abzuschalten. Da hilft wohl nur: Auf Menschen zugehen und lächeln.
    Du schreibst übrigens echt klasse. Deine Texte lesen sich super gut, mashaallah.

    Antwort

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