Kolumbine auf Umwegen

„Wo ist denn mein brauner Schal? Oh Gott, und meine Brosche! Ich kann nicht gehen ohne meine Brosche! Mamiiii!“

Im vorher angetrunkenem Koffeinwahn wirbel ich durch mein Zimmer, stopfe hier und da noch ein paar Utensilien in meinen ohnehin schon überschwappenden Koffer und rufe meine halbe Familie zusammen, um das sture Ding zum schließen zu zwingen. (An dieser Stelle eine kleine Gedenksekunde, er weilt heute nicht mehr unter uns..)

Am Bahnhof.
„Binti, hast du alles? Wo ist deine Verpflegung?“ Mein Vater dreht sich panisch zu meiner Mutter um. „Ich WUSSTE wir vergessen was! Ich hol‘ sie schnell!“ Lächelnd hält meine Mutter den roten Rucksack hoch. „Du schiebst schon mehr Panik, als dein Töchterchen.“ Beruhigt drückt mein Vater mir den Rucksack in den Arm. „Hier, für die Fahrt.“ Er riecht nach Falafel und Zwiebeln. Das klassische Pausenbrot eines arabischen Vaters. Ich muss lachen. „Danke, Baba.“ – Ich hatte mir schon Sorgen gemacht den Menschen heute keine Möglichkeit für Klischeesprüche bieten zu können.
Nach den üblichen Famlilien-Knuddelarien, den lauten und herzzereißenden Salams und Segenssprüchen meiner Mama, dem: „Bring mir was mit, wenn du uns wieder besuchen kommst!“, meiner kleinen Schwester, dem: „Hau rein, äh ich mein Salam.“, von meinem Bruder und den mahnenden Survivaltipps meines Vaters, stehe ich an der Zugtür, bereit für den Weg in meine neue Studentenheimat.

„Und wenn dich irgendein Araber blöd anmacht, ich hab‘ dir beigebracht, wie man sich wehrt! Aber frag vorher noch wie seine Familie heißt!!“ Ich winke meinem Vater zu. „Ich hab dich auch lieb!“

Endlich einen freien Platz gefunden, verstaue ich meine  Taschen und den duftenden Rucksack dezent über meinem Sitz. Wie lange es wohl dauert, bis es hier wie in einer Dönerbude riecht?
Mit einem Seufzer setze ich mich und schaue aus dem Fenster. Meine neue Studentenheimat ist genau 500km von meiner alten entfernt. Quasi eine andere Welt. Ob dort auch gleich anderes Klima herrscht? Auf einmal tickt mich etwas von der Seite an. Eine beleibte Frau mittleren Alters lächelt mich an. „Kinsche ischdPlznfreiundknnschmihinsetsche“ Ich blinzel sie verwirrt an. „Äh, ich… wie bitte?“ Sie beugt sich verständnisvoll vor. „Na, ischdPlznfreiundknnschmihinsetsche!?“ – Ob ich heute morgen doch mit dem Koffein übertrieben habe? Ich sehe, wie sie sich vorbeugt und auf den Platz neben mir schaut. Ich nicke und hoffe, dass ich damit nicht gänzlich falsch liege. Sie setzt sich neben mich. Few.

Dem neuen Sitzradius angepasst, blicke ich wieder aus dem Fenster und versuche meine Zukunftsvisionen weiterzuspinnen, da wackelt es neben mir. Die Dame holt ihr Salamisandwich heraus, das geruchstechnisch meinem Falafelrucksack definitiv Konkurrenz macht. Sie hält mir ein zweites hin. Ich lächle. „Nein, danke. Hab schon…“ – Ich bin gerade nicht in Stimmung für Halal-Schwein-Haram-Debatten. Sie beißt gierig in ihr Brötchen und zeigt auf meinen Schal. „Schööööön!“ Ich klopfe die zugeflogenen Salamibrotreste von meinem Tuch. „Danke…“
Nach einer Weile gestehen wir uns ein, dass die Chemie uns nicht wohlgesonnen ist und schweigen den Rest der Fahrt. Selbstverständlich mit der stillen Trauer darüber die Gelegenheit auf einen weiteren Facebookfreund verpasst zu haben. Meine Visionen habe ich vorerst auf Eis gelegt, als meine Sitznachbarin in ihr lautes Salamikoma fällt.

Am (neuen) Bahnhof.
Erleichtert springe ich mit meinen 7(.000) Sachen aus dem Bus, atme tiiief die neue Stadtluft ein und ersticke fast an einem Hustenanfall. Memo: Vor theatralischen Filmszennachspielaktionen nicht in das Raucherdreieck hüpfen. Der Kippentyp neben mir mustert mich amüsiert.

Von der ersten Nikotinladung erholt, bahne ich mir einen Weg durch die Menge in der Hoffnung wenigstens in die richtige Richtung zu gehen.Die Ausschilderung ist recht spärlich, also beschließe ich von meinem extrovertiertem Wesen Gebrauch zu machen, indem ich naiv nach dem Weg frage. Dies erweist sich als schweres Unterfangen, denn in dieser Stadt scheint jeder wie ein Aufziehmännchen seinen Weg fortzusetzen, ganz gleich, ob ein kleiner Rucksack-Hidjabi ihn von der Seite anspricht. Ich stocke. Vielleicht beinhalten meine Ansprechmanöver ja irgend eine städtetechnisch unverzeihliche Unhöflichkeit. Ich schürze die Lippen und ärgere mich den ollen Städteknigge für 1.99 nicht doch geholt zu haben. An einem Kiosk angekommen, entschließe ich mich einen neuen Versuch zu starten. Immerhin kann die Dame hinter dem Tresen nicht ganz so einfach davonrennen, wie die anderen. Jedenfalls nicht, wenn das hier nicht auch Gang und Gebe wäre. Ich seufze. Auf ein Neues.

„Entschuldigen Sie? Ich habe eine Frage. Ich suche die Straße XY, im Stadtteil SoundSo. Wissen Sie vielleicht, wie ich dort am besten hinkomme?“ Die Frau mustert mich Kaugummi schmatzend, während ich versuche gerade zu stehen und es der Blendamed-Werbung gleichzutun. „Na, laufen wär‘ ne Möglischkeit, ge!“ Sie erstickt fast an ihrem Lachen. Zurecht. Dummer Humor scheint nicht städtespezifisch zu sein. Ich lache entnervt mit und hoffe so wenigstens an die Infos zu kommen, die ich brauche. „Isch weiß nisch, wo´de hinmusst. Da is diese Moschee, ge?“ Ich nicke zögernd. „Nee, mit sowas kenn isch misch nisch aus, frag ma die Taxifahrer da drauße!“ Ich bedanke mich höflich und trete durch die Glastür vor den Hauptbahnhof. Unter welche Kategorie fällt wohl „sowas“?.

Beim Taxistand angekommen, werde ich von wilden Ö- und Ü-Lauten empfangen und verstehe die Vermittlung der Kioskdame allmählich. Mit zögerndem Salam nähere ich mich den rauchenden Männern. Auf die Frage, wie ich denn zur Moschee in der Straße XY käme, schauten sie mich verwirrt an. „Moschee? Was willst du da?“ Ich stocke. Welche Option hätte ich denn noch? Ich zucke mit den Schultern und gebe ihm trotz jeder originellen Antwortidee die naheliegendste. „Beten.“ Er hebt die Augenbrauen. „Beten? Ah… aber nix Moschee da. Warte, Warte. MUSTAFA! Hade, komm ma rüba, Kollege!“ Mustafa, der zu der Fraktion Schnauzbart-Türke gehört, kommt auf uns zu. „Nein, nein, hab isch nisch gehört von Moschee da. Warte, isch ruf Mehmet an. ALLU? MEHMET?…. “ Nach einer weiteren Türkisstunde, nickt er mir zu. Ich bin erleichtert, wenigstens habe ich diesen Männern nicht ohne Grund die Zeit gestohlen. „Mehmet weiß auch nisch, aber komm.“ Er öffnet seine Taxitür. „Isch fahr disch zu mir nach Hause, kannst du beten da.“
Schlagartig fallen mir wieder alle Kampfsporttechniken ein, die mir mein Vater über die Jahre eingebleut hat, die unzähligen „Fremde meiden“-Bücher meiner Mama und die vielen Grundschuldiskussionen, in denen wir lernten trotz Kuschelhasen nicht mit in fremde Autos zu steigen. Von Gebetsplatzbestechung hat nie einer was gesagt. Mustafa wedelt mit der Hand. „Hade, komm Schwestär. Wir sind alle Muselman.“

Endlich angekommen.
Ich stelle die Taschen ab und schmeiße mich aufs Bett. Das Licht bahnt sich in das kleine Zimmer des Wohnheims. Ich blicke aus dem Fenster in den Himmel. Der arme Mustafa hat wohl nicht ganz nachvollziehen können, warum ich sein gut gemeintes Angebot nicht angenommen habe. Zum Glück war er nicht lange grummelig. Zwei unhöfliche Stöckelschuh-Damen, die gefälligst in die Schillerstraße wollten, retteten mich vor der südländisch fraglichen Gastfreundschaft.

Mein Handy holt mich aus den Gedanken.
„Salam Baba. Die Reise war (grauenhaft) toll! Nein, völlig (verrückt) sicher hier. Ja, die Leute machen einen (merkwürdigen) prima Eindruck. Ja, viele (beängstigend aufgeschlossene) Muslime. Ja, ich euch auch!“

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7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. mueslifrau
    Nov 21, 2011 @ 12:13:19

    😀 Klasse!!!

    Antwort

  2. willkommeninderummah
    Nov 21, 2011 @ 12:32:54

    Super geschrieben 😀

    Antwort

  3. Taner Beklen
    Nov 24, 2011 @ 00:46:54

    Hahaha, Yasmina ich genieße deinen Humor. Vielen Dank für vielen Details die du immer beschreibst.

    Gerne mehr davon und blogge endlich wieder mehr 🙂

    Taner

    Antwort

  4. Momtik
    Dez 08, 2011 @ 22:18:53

    Ahaaaaaaa!! Sehr schön geschrieben 😉

    Antwort

  5. Feyzanur Soysal
    Dez 17, 2011 @ 18:38:15

    Endlich wieder zurück! 🙂

    Antwort

  6. simone horn
    Jan 04, 2012 @ 22:45:45

    herrlich!!!!

    Antwort

  7. sana
    Feb 04, 2012 @ 20:23:37

    ich lieeeeeeeeebe es…! weißtwasschmain? der hammer..!

    Antwort

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